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im Rheinland

„Die Hierarchie soll zum Ausdruck kommen: Bronze, Silber, Gold.“

Die beim Landschaftsverband tätigen Schwestern erhalten einheitliche Broschen

Die Idee, die beim Landschaftsverband tätigen Schwestern mit einer einheitlichen Brosche als Erkennungszeichen ihres Berufsstandes auszustatten, kam im Mai 1962 auf. Bei einer Besprechung der Oberinnen und Pflegevorsteher der Rheinischen Landeskrankenhäuser wurde der „Mangel eines gemeinsamen Wertbewußtseins des Zusammenhalts […], der sich auf Dienstauffassung, Dienstfreude und Zusammengehörigkeitsgefühl […] nachteilig auswirke“ beklagt. [1] Zudem herrschte seit den 1950er Jahren ein allgemeiner Schwesternmangel, mit dem sich die Gesundheitspolitik auseinandersetzen musste. [2] Die Lösung des Problems versprach man sich in einer einheitlichen Ausstattung der Schwestern. Dazu gehörte neben einer „kleidsamen und einheitlichen Tracht“ auch eine Schwesternbrosche. Mit dieser sollte die Zugehörigkeit sowie eine gewisse Auszeichnung für Dienstjahre und Dienstgrade zum Ausdruck gebracht werden. Landesdirektor Udo Klausa vermerkte hierzu: „Man lache nicht über derartige Äußerlichkeiten! Die Menschen sträuben sich gegen alle Nivellierung und freuen sich, wenn sie sich in irgendeiner Weise herausheben. […] Ein gesunder Ehrgeiz ist förderlich.“ [3]


Ob äußerliche Symbolik in der Bekleidung tatsächlich eine engere Bindung an den Landschaftsverband erzeugen konnte, sei dahingestellt. Es treffen in den folgenden Wochen vorwiegend positive Rückmeldungen aus den Landeskrankenhäusern ein. Doch verbinden die Oberinnen das Thema Schwesterntracht und Brosche mit einer substanzielleren Forderung: der Gründung einer eigenen Schwesternschaft des Landschaftsverbandes. Schwesternschaften waren und sind auch heute Verbände von Menschen in Pflegeberufen. [4] Heute liegt das Augenmerk vor allem auf der Betreuung der Krankenpflegeschülerinnen und der Professionalisierung der Ausbildung. Die Wurzeln der Schwesternschaften reichen jedoch an das Ende des 19. Jahrhunderts und die christlich geprägte Vorstellung von Krankenpflege zurück. Darin wird die Tätigkeit der Schwestern nicht als Arbeit, sondern als Berufung und „Liebesdienst“ im Sinne der Barmherzigkeit angesehen. Dies hatte massive Auswirkungen auf die Lebensgestaltung der Frauen, die ihr gesamtes Leben der Schwesternschaft und der Krankenpflege verschrieben. Sie lebten oft zölibatär in einem Schwesternhaus, erhielten neben Kost und Logis nur ein minimales Taschengeld und arbeiteten außerhalb jeglicher Tarifvereinbarungen. [5] Mit dem sich wandelnden Frauenbild änderte sich seit den 1950er Jahren auch das Berufsbild der Krankenschwester. Diese wollten ihren Pflegeberuf oft mit einem eigenen Familienleben verbinden. Das ältere weibliche Pflegepersonal hingegen war von den traditionellen Vorstellungen geprägt und die Krankenschwestern hatten ihr Leben darauf ausgerichtet. So verwundert es nicht, dass vor allem für die älteren Schwestern des Landschaftsverbandes das Thema Altersversorgung besonders wichtig war. Für sie war zum Beispiel die Einrichtung eines Feierabendhauses von großem Interesse. [6] Dieses bot den unverheirateten Pflegerinnen nach ihrer Pensionierung ein Zuhause in der gewohnten Gemeinschaft.

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Während die Leitung des Landschaftsverbandes der Gründung einer Schwesternschaft „sehr abwartend“ [7] gegenüberstand und die Idee letztlich versandete, wurde die Einführung der Schwesternbrosche im Laufe des Jahres 1963 umgesetzt. Zunächst wurde ein Künstler gesucht, der die Brosche entwerfen sollte. Die Vorgaben waren eher pragmatisch: „…eine runde Brosche mit den Emblemen des Landschaftsverbandes, möglichst auch unter Verwendung der Farben grün-weiß. Zu berücksichtigen ist hierbei, daß die Grundfarbe des vorgesehenen Schwesternkleides blau-grau ist.“ [8] Wichtiger war die Sichtbarkeit der Dienstgrade, was in einem Vermerk von Landesrat Dr. Müller auf den Punkt gebracht wird: „Die Hierarchie soll zum Ausdruck kommen: Bronze, Silber, Gold. Oberin: zusätzlicher Goldrand.“ [9]
Nachdem Prof. Dr. Griess von den Kölner Werkschulen den Auftrag mit dem Hinweis auf fehlende Werkzeuge ablehnte, wandte man sich an die Düsseldorfer Kunstakademie. Prof. Zoltán Székessy schlug einen Schülerwettbewerb seiner Bildhauer- und Grafikklasse vor, doch konnten sich mit einem Preisgeld von 100 DM für den 1. und 50 DM für den 2. und 3. Platz keine Schülerinnen und Schüler begeistern lassen. [10] Erst mit einer erheblichen Steigerung des Preisgeldes auf 500 DM wurden sechs Studierende gefunden, die an dem Wettbewerb teilnahmen. Sie stammten aus den Bildhauerklassen von Prof. Zoltán Székessy, Prof. Manfred Sieler, und Prof. Joseph Beuys. [11] Letzterer hatte erst im November 1961 den Lehrstuhl für monumentale Bildhauerei der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf übernommen und sollte in der Folgezeit mit seinem „erweiterten Kunstbegriff“ Anlass zu erheblichen Spannungen innerhalb der Akademie geben. [12]


Zum Ende des Wintersemesters 1962/1963 stand der Gewinner des Wettbewerbs fest: Erwin Nöthen, ein Schüler von Prof. Manfred Sieler, hatte mit seinen Entwürfen den ersten Platz belegt und auch die Vorgabe „Bronze – Silber – Gold“ erfolgreich umgesetzt. [13] Doch die Herstellung der Broschen zog sich hin. Erst ein Jahr später, am 16. April 1964, wurde vom Direktor des Landschaftsverbandes verfügt, dass das Tragen der Schwesternbroschen in die Dienst- und Schutzbekleidungsordnung aufzunehmen sei. [14] Die Broschen selbst waren zu dem Zeitpunkt noch nicht gefertigt. Im Juni 1964 wurden die von der Firma Biedermann & Co Abzeichen- und Metallwarenfabrik hergestellten Broschen schließlich an die Landeskrankenhäuser geliefert. Doch auf die ursprünglich angedachten Äußerlichkeiten wurde nun verzichtet. „Die Broschen […] bitte ich den Schwestern ohne besondere Formalitäten auszuhändigen. In Zukunft sollen die Broschen aber bei Diensteintritt oder bei Beförderungen offiziell durch den Direktor […] überreicht werden.“ [15] Bereits nach wenigen Monaten trafen Beschwerden aus den Landeskrankenhäusern ein, dass „… die Broschen […] in der kurzen Zeit so unansehnlich geworden [sind], daß sie von den Schwestern nicht getragen werden können.“ [16] Im Juni 1967 erfolgte daher eine erneute Produktion und Auslieferung der Broschen, die sich dieses Mal bewährten. Trotzdem scheint dies die letzte Bestellung gewesen zu sein. [17]

Wie lange die Brosche von den Schwestern der Kliniken des Landschaftsverbandes tatsächlich noch getragen wurde, ist nicht bekannt. Mit dem Wandel des Pflegeberufs zu einem modernen Frauenberuf verschwand das alte Symbol des weiblichen Pflegepersonals aus den Landeskrankenhäusern des Rheinlandes. Seine Einführung beim Landschaftsverband Rheinland ist jedoch ein interessantes Zeugnis für eine Zeit, in der sich der Pflegeberuf und vor allem das Selbstbild der weiblichen Pflegekraft stark wandelte. Während sich das Berufsbild Krankenschwester in den 1950er und 1960er Jahren massiv veränderte, hielt sich das äußere Bild der Schwester in Tracht und Brosche. „Die Tracht galt als Ehrenkleid und sicherte den Schwestern eine herausgehobene Stellung in der Gesellschaft.“ [18] Die Forderung der Oberinnen im Jahr 1962 nach Einführung einer Tracht und Brosche für die Schwestern der Rheinischen Landeskrankenhäuser steht somit in Zusammenhang mit einer tradierten Symbolik, die den Schwestern und ihren Leistungen eine besondere gesellschaftliche Wertschätzung sicherte.

Bearbeitung: Dr. Riccarda Henkel

Sie waren Pflegekraft in einer Klinik des LVR oder kennen eine ehemalige Schwester? Haben Sie ein Foto einer LVR-Schwester in Tracht und mit Brosche? Dann schreiben Sie dem Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland. (archiv@lvr.de) Wir würden Ihr Foto gern in unsere Fotosammlung aufnehmen.


[1] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Bürovermerk des Landesdirektors an die Abteilung 8 vom 24. Mai 1962, unfol.
[2] Vgl. Susanne Kreutzer: Vom „Liebesdienst“ zum modernen Frauenberuf. Die Reform der Krankenpflege nach 1945. Frankfurt 2005, S. 24 ff.
[3] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Bürovermerk des Landesdirektors an die Abteilung 8 vom 24. Mai 1962, unfol.
[4] Die in Deutschland bekannteste Schwesternschaft ist der Verband der Schwesternschaften vom DRK e.V., der sich noch heute der Professionalisierung in den Pflegeberufen widmet. Vgl. https://www.rotkreuzschwestern.de/ [abgerufen am 25.4.2018].
[5] Die einzelne Schwester hatte keinen eigenen Arbeitsvertrag mit dem Krankenhaus, sondern wurde vom Mutterhaus im Rahmen eines Gestellungsvertrages an eine Krankenanstalt entsandt. Somit fielen die Krankenschwestern unter keine arbeitsrechtliche Regulierung und waren auch nicht sozialversicherungspflichtig. Vgl. Susanne Kreutzer: Vom „Liebesdienst“ zum modernen Frauenberuf. Die Reform der Krankenpflege nach 1945. Frankfurt 2005, S. 7.
[6] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Schreiben des Direktors der Rheinischen Landesfrauenklinik Wuppertal-Elberfeld an den Direktor des LVR vom 18. Juli 1961, unfol.
[7] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Bürovermerk des Landesdirektors an die Abteilung 8 vom 24. Mai 1962, unfol.
[8] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Anfrage an Prof. Dr. Griess (Kölner Werkschulen) vom 13. Dezember 1962, unfol.
[9] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Vermerk von Dr. Müller vom 8. April 1963, unfol.
[10] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Brief von Prof. Székessy an Dr. Müller vom 17. Januar 1963, unfol.
[11] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Gemeinsamer Brief von Prof. Beuys, Prof. Sieler und Prof. Székessy an Dr. Müller vom 28. Januar 1963, unfol.
[12] Vgl. Johannes Stüttgen: Der Ganze Riemen. Der Auftritt von Joseph Beuys als Lehrer – die Chronologie der Ereignisse an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf 1966–1972. Hrsg. Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Köln 2008.
[13] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Entwurf für drei Schwesternbroschen von Erwin Nöthen, unfol.
[14] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Verfügung des Landesdirektors vom 16. April 1963, unfol.
[15] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Anweisung von Landesrat Dr. Müller vom 19. Juni 1964, unfol.
[16] Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406. Bericht des Rheinischen Landeskrankenhauses Langenfeld vom 5. Februar 1965, unfol.
[17] Aus den vorliegenden Akten geht keine weitere Bestellung hervor.
[18] Susanne Kreutzer: Vom „Liebesdienst“ zum modernen Frauenberuf. Die Reform der Krankenpflege nach 1945. Frankfurt 2005, S. 33.

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Weiterführende Quellen und Literatur:

  • Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Bestand LVR - Gesundheitsabteilung des LVR, Nr. 31406
  • Johannes Stüttgen: Der Ganze Riemen. Der Auftritt von Joseph Beuys als Lehrer – die Chronologie der Ereignisse an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf 1966–1972. Hrsg. Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Köln 2008.
  • Susanne Kreutzer: Vom „Liebesdienst“ zum modernen Frauenberuf. Die Reform der Krankenpflege nach 1945. Frankfurt 2005

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