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Restaurierung des ältesten Zivilstandsregisters der Wüstung Wollseifen (1796-1802) im LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum

Übergabe einer wertvollen Quelle zur Bevölkerungsgeschichte an das Stadtarchiv Schleiden am 19. Dezember

Wollseifen ist eine unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Wüstung im Nationalpark Eifel auf dem Gelände des ehemaligen belgischen Truppenübungsplatzes Vogelsang. Nach dessen Auflösung zum 1. Januar 2006 ist die ehemalige Ortschaft auf der Dreiborner Hochfläche, von der heute nur noch die Kirche, die Schule und eine Wegkapelle am Ortseingang erhalten sind, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Eine Ausstellung zur Geschichte des Dorfes wird derzeit im 2014 restaurierten Gebäude der ehemaligen Volksschule Wollseifen gezeigt.

Zur Ortsgeschichte

Erstmals im 12. Jahrhundert urkundlich erwähnt gehörte Wollseifen im Spätmittelalter zur Grafschaft Schleiden, die vom Herzogtum Luxemburg lehnrührig war. In der Nähe des Dorfes stand seit 799 eine der heiligen Walburga geweihte Kapelle, an der ein karolingischer Königshof, der sog. Walberhof, lag. Dieser Hof wurde 1145 von König Konrad III. dem Prämonstratenserkloster Steinfeld geschenkt, dem er bis zur Säkularisierung 1802 gehörte.

Im Dorf Wollseifen selbst baute man im 15. Jahrhundert eine eigene Kapelle mit dem Patrozinium St. Rochus, die 1635 zur Pfarrkirche erhoben wurde. Während die Walburgis-Kapelle zerfiel, bestand der Walberhof zunächst weiter, bis er 1933/34 an die Deutsche Arbeitsfront (DAF) verkauft und abgerissen wurde. Im Alten Reich war Wollseifen Sitz eines Schöffengerichts, zu dessen Bezirk neben dem Ort Wollseifen die Ortschaften Einruhr, Leykaul, Krummenauel und Walberhof sowie Teile von Dreiborn und Morsbach gehörten.

Nachdem die französische Revolutionsarmee 1794 die linksrheinischen Gebiete erobert und mit dem Vertrag von Lunéville (1801) in das französische Staatsgebiet integriert hatte, gehörte Wollseifen von 1795 bis 1814 zum Département de ľ Ourthe.

Nach dem Wiener Kongress fielen die rheinischen Gebiete und damit auch Wollseifen 1815 an Preußen und gehörten bis 1945/46 zur preußischen Rheinprovinz. Von 1816 bis 1946 war Wollseifen ein Ortsteil der Gemeinde Dreiborn, die im Rahmen der kommunalen Gebietsreform am 1. Januar 1972 in die Stadt Schleiden eingemeindet wurde.

Die Bevölkerung Wollseifens war traditionell in der Land- und Forstwirtschaft tätig, wobei Ackerbau, Schafzucht, Holzfällerei und Köhlerei die Haupterwerbszweige bildeten. Neue Arbeitsplätze wurden zwischen 1899 und 1904 durch den Bau der Urfttalsperre sowie in den 1920er-Jahren durch den Fremdenverkehr im Zusammenhang mit der touristischen Erschließung der Eifel geschaffen.

Während des Nationalsozialismus wurde ab 1934 in der Nachbarschaft die Ordensburg Vogelsang zur Ausbildung des Nachwuchses der nationalsozialistischen Führungselite gebaut, die 1936 ihren Betrieb aufnahm. 1940 wurde am Weg nach Wollseifen der Bau des Dorfes Vogelsang, welches den zivilen Beschäftigten der Ordensburg und ihren Familien als Wohnplatz dienen sollte, begonnen.

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges geriet Wollseifen im Kampf um die Eifel von September 1944 bis Januar 1945 unter alliierten Artilleriebeschuss. Die Bevölkerung wurde evakuiert, kehrte aber im Sommer 1945 in den beschädigten, nun unter brititscher Verwaltung stehenden Ort zurück, um den Wiederaufbau zu beginnen.

Wüstung nach dem Zweiten Weltkrieg

Am 13. August 1946 wurden die ca. 120 Familien Wollseifens (ca. 500 Einwohner) von der britischen Militärverwaltung aufgefordert, das Dorf innerhalb von drei Wochen zu verlassen, da man das Gelände für einen britischen Truppenübungsplatz nutzen wollte. Am 1. September 1946 wurde Wollseifen zum Sperrgebiet erklärt. Die Bewohner wurden in Notunterkünften in den benachbarten Orten (Einruhr, Hehrhahn, Schleiden, Gemünd etc.) untergebracht oder kamen bei Verwandten unter. In der ersten Zeit kehrten sie trotz der Sperrung häufiger in ihre Häuser zurück. Allerdings nutzte die britische Militärverwaltung den Ort zunehmend für Schießübungen. Dadurch sowie durch Brände wurden die Häuser allmählich zerstört. Die Kirche brannte 1947 vollständig aus. Später wurden die Gebäude mit Ausnahme des unzerstört gebliebenen Trafohäuschens, der Ruine der Kirche, der ehemaligen Schule und einer am Dorfrand liegenden Kapelle abgerissen.

1950 übergaben die Briten den Truppenübungsplatz an das belgische Militär. Seit 1955 stand fest, dass eine Rückkehr in den Ort unmöglich und der Truppenübungsplatz eine Dauereinrichtung sein würde. Die Bundesvermögensverwaltung begann den Aufkauf von Grundstücken von den ehemaligen Bewohnern. 1962 gründeten die ehemaligen Dorfbewohner den Traditionsverein Wollseifen e. V., der ihre Forderungen nach Reparationszahlungen gegenüber dem Bund vertrat. 1975 wurden diese Forderungen vom Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages zurückgewiesen. In der Folge verlegte sich der Verein auf die Geschichtsschreibung, Mundart- und Traditionspflege.

Nach der Aufgabe des Truppenübungsplatzes 2006 wurde der Förderverein Wollseifen e. V. gegründet, der umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen an den verbliebenen Gebäuden vornahm und eine Erinnerungs- und Gedenkstätte gründete. 2012 verschmolz der Förderverein Wollseifen e. V. mit dem Traditionsverein Wollseifen e. V. zum nunmehrigen Traditions- und Förderverein Wollseifen e. V.

Das älteste Zivilstandsregister aus Wollseifen (1798-1812)

Heute erinnern nur noch wenige schriftliche Quellen, etwa die im Landesarchiv NRW – Abteilung Rheinland in Duisburg überlieferten Kirchenbücher der Pfarre St. Rochus oder einige im Stadtarchiv Schleiden erhaltene Akten zu den Aktivitäten der ehemaligen Bewohner in den 1950er- und 1960er-Jahren, an das ehemalige Dorf Wollseifen. Eine historisch besonders wertvolle Quelle zur Einwohnerschaft Wollseifens an der Wende zum 19. Jahrhundert ist das älteste Zivilstandsregister des Ortes, das sich heute im Stadtarchiv Schleiden befindet. Es dokumentiert den Personenstand (französisch: état civil; deutsch: Zivilstand) der Bewohner Wollseifens nach dem Ende des Alten Reiches in den ersten Jahren der französischen Herrschaft (1798-1812).

Zivilstandsregister waren die unter französischer Herrschaft eingeführten Vorläufer der in Preußen ab 1874, im Deutschen Reich ab 1876 flächendeckend geführten staatlichen Personenstandsregister. Die Zivilstandsregister beurkundeten rechtsverbindlich die sich aus den Merkmalen des Familienrechts ergebende Stellung einer Person (Geburt, Eheschließung, Tod) und lösten damit die älteren Kirchenbücher durch eine staatliche Registerführung ab.

Nachdem die französische Nationalversammlung am 20. September 1792 ein Gesetz erlassen hatte, welches die rechtskräftige Beurkundung des Zivilstands aller französischen Bürgerinnen und Bürger durch den Staat regelte, wurden die Zivilstandsgesetze in den eroberten deutschen Gebieten erstmals am 17. Juni 1796 in den Départements Ourthe und Meuse-Inférieure bekannt gemacht; die übrigen linksrheinischen Gebiete folgten im Jahr 1798.

Die Übertragung der Zivilstandsgesetze auf das Département de ľ Ourthe ist die Grundlage für die Anlage der ältesten Wollseifener Zivilstandsregister, die im September 1798 einsetzen und bis 1812 vom Bürgermeister der Mairie (Bürgermeisterei) Wollseifen in französischer Sprache geführt wurden. Die Zivilstandsregister bestehen dabei aus Geburts-, Heirats- und Sterberegistern.

Während die Zivilstandsregister nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft in vielen Gebieten wieder abgeschafft wurden, blieben sie in der preußischen Rheinprovinz auch nach dem Wiener Kongress erhalten. Erst 1874 wurden sie in Preußen mit dem Erlass der Personenstandsgesetze und der Gründung von Standesämtern durch die Personenstandsregister abgelöst.

Restaurierung im LVR-AFZ

Der Erhaltungszustand des mehr als 200 Jahre alten Registerbandes im Stadtarchiv Schleiden lässt allerdings zu wünschen übrig. Der Einband ist nicht mehr vorhanden, so dass die ursprüngliche Ordnung der insgesamt 279 erhaltenen losen Seiten im Lauf der Zeit zerstört wurde. Ein früherer Wasserschaden hatte schließlich zu Schimmelbefall und infolgedessen bereits zum teilweisen Abbau des Papiers geführt. Deshalb waren die losen Seiten bereits 2014 bei einem Dienstleister vakuumiert und trockengereinigt worden.

Um die vorhandene Buchsubstanz zu sichern und weiteren Schäden vorzubeugen, wurde das Zivilstandsregister 2017 von der Werkstatt für Papierrestaurierung im LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum (LVR-AFZ) sorgfältig restauriert. Dabei wurden die Seiten feucht gereinigt und zu Doppelblättern angefasert, um die einzelnen Lagen wiederherstellen zu können. Zur Stabilisierung wurde jedes Blatt auf der Rückseite mit einem sehr dünnen Japanpapier ganzflächig hinterlegt.

Da der Originaleinband fehlte, wurden acht reversible Konservierungseinbände für die einzelnen Jahrgänge angefertigt. Diese werden nun in einem Archivkarton geschützt aufbewahrt. Vor dem Einbinden wurden die durcheinander geratenen losen Seiten durch einen wissenschaftlichen Referenten der Archivberatung in die korrekte chronologische und sachliche Reihenfolge gebracht, so dass die Register nun wieder in ihrer ursprünglichen Form genutzt werden können. Bei den Ordnungsarbeiten stellte sich heraus, dass nicht alle Zivilstandsregistereinträge auf Wollseifen Bezug nehmen, sondern dass das Konvolut in geringem Umfang auch Geburts-, Heirats- und Sterberegister von Dreiborn (1798-1800) enthielt. Im Zuge der Restaurierung wurden die Dreiborner Zivilstandsregistereinträge in einem eigenen Band zusammengefasst. Die Gesamtkosten für die Restaurierung im Umfang von 5.000 € wurden von der Bürgerstiftung Schleiden getragen.

Am 19. Dezember wurde der restaurierte Band von Dr. Claudia Kauertz, Leiterin des Sachgebiets Archivberatung im LVR-AFZ, sowie Antje Brauns, Restauratorin der Werkstatt für Papierrestaurierung im LVR-AFZ, an Udo Meister, Bürgermeister der Stadt Schleiden und Vorstandsvorsitzender des Kuratoriums/ Stiftungsvorstands der Bürgerstiftung, Marcel Wolter, Ersten Beigeordneten der Stadt und Geschäftsführer des Stiftungsvorstands der Bürgerstiftung, sowie Nicole Gutmann, Stadtarchivarin, im Rathaus zu Schleiden übergeben. Egon Ronig und Hans-Georg Stump als Vertreter des Traditions- und Fördervereins Wollseifen e. V. waren ebenfalls bei der Übergabe anwesend.

Literatur und Links

Josef Lorbach, Die Trümmer schweigen nicht, o. O. 1981. Online abrufbar unter: https://wollseifen.jimdo.com/wollseifen/die-trümmer-schweigen-nicht/ (Stand: 11.12.2017).

Erinnerungen an Wollseifen, hrsg. vom Traditionsverein Wollseifen e. V., Schleiden 2012.

Klaus Ring, Stephan Wunsch, vogelsang ip (Hrsgg.), Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordenburg zwischen Faszination und Verbrechen, Dresden 2016.