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Archive
im Rheinland

Umgang mit Zellhorn-Filmen

Filme aus Cellulosenitrat (Zellhorn-Filme) gefährden Archive

Zelluloid oder "Zellhorn"

Viele Archive verfügen über explosives Material. Das ist keineswegs immer bildlich zu verstehen! Alte Foto- und Filmbestände gehören zu den Schätzen vieler Archive. Aber gerade bei dem Trägermaterial älterer Filmstreifen und Filme handelt es sich zuweilen um das leicht entzündliche Zelluloid oder „Zellhorn“.

1887/88 wurde Zelluloid für die Verwendung in Filmen patentiert und setzte sich aufgrund seiner Vorteile in Gewicht und Preis schnell weitgehend gegen die bis dahin in der Photographie gebräuchlichen Glasplatten ebenso durch wie in der jungen Kinematographie gegenüber dem Papierfilm. Hergestellt wurden Zellhornfilme bis in die späten 1950er-Jahre.

Das Material, aus dem bis in die 1950er-Jahre auch die bekannten Schildkröt-Puppen gefertigt wurden und Tischtennisbälle noch bis heute gefertigt werden, besteht aus Cellulosenitrat, Kampfer oder anderen Weichmachern und Alkohol. Das auch als Nitrocellulose oder Schießbaumwolle bezeichnete Cellulosenitrat ist wiederum ein Ester, der entsteht, wenn Cellulose mit Salpetersäure und Schwefelsäure versetzt wird. Die Verbindung enthält viel Sauerstoff. Sie ist leicht brennbar und explosiv; einzelne Gefahrenhinweise sind der Stoffdatenbank des Gefahrstoffinformationssystems GESTIS zu entnehmen, auf die wir in der Linkliste verweisen.

Aufgrund ihres hohen Sauerstoffgehalts und des exothermen Reaktionsverlaufs kann Cellulosenitrat auch ohne Sauerstoffzufuhr von außen weiteroxidieren und nur schwer gelöscht werden. Bei einer Verbrennung mit geringer Sauerstoffzufuhr von außen entwickelt sich gelber Qualm und es entstehen hoch giftige nitrose Gase (NOx) und Kohlenmonoxid. Gerade bei gewickelten Filmrollen besteht diese Gefahr. Eine Reihe von Kinobränden, aber auch der Brand des in einen Salzstock bei Braunschweig ausgelagerten Reichsfilmarchivs 1945 und der verheerende Brand in den Magazinen des Bundesarchivs auf der Festung Ehrenbreitstein 1988 sind auf die Selbstentzündung von Zellhornfilmen zurückzuführen.


Identifikation

Für die Identifikation von Zellhornfilmen ist die Herstellungszeit des photographischen Materials bzw. die Entstehungszeit der Bilder ein erstes, wichtiges Indiz. Mit Cellulosenitrat-Material zu rechnen ist zwischen 1889 und Anfang der 1960er-Jahre. Ab den 1950er-Jahren setzte sich nach und nach der Acetatfilm gegen den Zellhornfilm durch. Dass es sich um einen Zellhornfilm handelt, kann daher auch für originale Filme aus den 1950er-Jahren ausgeschlossen werden, wenn der Film selbst nahe dem Lochstreifen eine Bezeichnung wie „Sicherheitsfilm“, „safety film“, „SAFETY“ oder „sécurité“ trägt. Eine entsprechende Beschriftung der Filmdose kann irreführend sein - wie das nebenstehende Bild zeigt.

Trägt der Film solche Kennzeichnungen nicht, so ist teilweise aus der Produktbezeichnung des Films abzuleiten, ob es sich um Zellhornfilm handeln muss oder nicht handeln kann. Es gibt allerdings auch Produktbezeichnungen, die sowohl für Zellhornfilme als auch für Sicherheitsfilme verwendet wurden – Beispiele werden auf der Internetseite „Nitratfilme identifizieren und aussondern“ aufgeführt.

Sicherheit kann in solchen Fällen nur eine Beprobung bringen. Ein Indiz dafür, dass es sich um Zellhornfilm handelt, ist eine geringe Elastizität und ein blecherner Klang beim Hin- und Herbiegen eines Filmstreifens. Für die sichere Identifizierung gibt es die in Anhang D der DIN 18906:2000 beschriebene Schwimmprobe in Trichlorethen (veraltet auch als Trichlorethylen bezeichnet). Dabei handelt es sich jedoch um einen krebserzeugenden Giftstoff, mit dem im Archiv – und auch grundsätzlich – nicht hantiert werden sollte.

Als eine – bei umsichtiger Vorbereitung – wesentlich ungefährlichere und praktikablere alternative Prüfmethode bietet sich der ebenfalls in der DIN 18906 beschriebene „Feldversuch“ an. Dabei handelt es sich um einen Brandtest an einem definierten Teststück. Bei ausreichender Sauerstoffzufuhr entstehen bei der Verbrennung keine giftigen Gase. Vielmehr brennt das Teststück sehr schnell mit großer heller Flamme ab. Für eine Unterstützung bei der Durchführung eines Feldversuchs können Sie sich an Ihre zuständige Gebietsreferentin oder Ihren zuständigen Gebietsreferenten wenden.

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Rechtslage

„Nitrozellulose“ wird ausdrücklich in der Anlage III des Gesetzes über explosionsgefährliche Stoffe (Sprengstoffgesetz) aufgeführt und zu den Explosivstoffen gezählt. Durch die Weichmacher wird die von dem Cellulosenitrat ausgehende Gefahr in Zelluloid-Filmen gemindert. Der Umgang mit kinematographischen oder Röntgenfilmen, wie sie in Archiven vorkommen, ist daher von der Anwendung des Sprengstoffgesetzes durch § 1 Abs. 1 Nr. 4 der Ersten Verordnung zum Spengstoffgesetz (1. SprengV) ausgenommen.

Ausgenommen von der Nicht-Anwendung des Sprengstoffgesetzes sind jedoch wiederum das Be- und Verarbeiten, das Wiedergewinnen des Cellulosenitrats und das Vernichten. Außerdem gilt unbenommen der Nicht-Anwendung des Sprengstoffgesetzes auf den Zellhornfilm die gesetzliche Definition seines Hauptbestandteils Cellulosenitrat als Explosivstoff. Nach DIN 15551-3:2013-12 gilt daher für die Lagerung von Zellhornfilm die Zweite Verordnung zum Sprengstoffgesetz (2. SprengV).

Das hat umfassende Folgen für die Anforderungen an den Lagerort. So müssen Lager unter anderem in feuerfester Bauart ausgeführt sein, es dürfen keine elektrisch auslösbaren Gegenstände in der Umgebung gelagert werden, Türen müssen mit hohem Einbruchswiderstand ausgerüstet sein. Die Lager müssen gegen das Eindringen von Grund- und Niederschlagswasser geschützt sein, der Fußboden muss elektrostatisch leitfähig sein und sich leicht reinigen lassen. Das Lager muss eine ausreichende Lüftung haben und das Lagergebäude darf nur eingeschossig ausgeführt sein.

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Lagerung

Klimatische Lagerungsanforderungen nach DIN 15551-3:2013-12

Während von diesen allgemeinen Anforderungen für die Lagerung von Explosivstoffen aus der Zweiten Sprengstoffverordnung sich immerhin einige mit den Anforderungen an eine fachgerechte archivische Lagerung decken und von einem fachgerecht eingerichteten Archivmagazin sogar erfüllt würden, werden die spezifischen Lagerungsanforderungen nach DIN 15551-3:2013-12 – Strahlungsempfindliche Filme – Zellhornfilm – nur in ganz wenigen, speziellen Einrichtungen wie dem Bundesarchiv-Filmarchiv erreicht.

Neben den Sicherheitsanforderungen an die Raumeinrichtung, an Wände, Böden, Türen und Belüftung empfiehlt die DIN 15551-3 aus bestandserhalterischer Perspektive für die langfristige Lagerung von Zellhorn-Filmen eine Raumtemperatur von höchstens 7 °C bei 20 % bis 50 % relativer Luftfeuchte; für Farbfilme sollten es sogar –10 °C sein.

Lagerung beim Bundesarchiv?

Eine vorübergehende Einlagerung beim Bundesarchiv ist nicht möglich. Die auf der Internetseite „Nitratfilme identifizieren und aussondern“ zu findende Behauptung, das Bundesarchiv sei „als Staatsbehörde […] verpflichtet, archivgefährdendes Nitratmaterial entgegenzunehmen und gegebenenfalls in eigens hierfür ausgestatteten Bunkern aufzubewahren“, ist falsch. Es ist hingegen möglich, dass das Bundesarchiv archivwürdiges Cellulosenitrat-Material übernimmt, dessen Inhalt seinem Sammlungsprofil entspricht.

Lagerung beim Landesarchiv?

In Ausnahmefällen ist eine Übernahme von Cellulosenitrat-Negativ-Material aus rheinischen Archiven durch die Abteilung Rheinland des Landesarchivs NRW möglich, das in Duisburg über begrenzte Lagerungsmöglichkeiten für solche Materialien verfügt. Voraussetzungen sind eine Übereignung des Materials an das Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland sowie die Feststellung der Archivwürdigkeit der Unterlagen für das Landesarchiv. Die Einlagerung im Wege eines Depositums ist nicht möglich.

Selbstzersetzung

Selbst bei sachgerechten Lagerungsbedingungen ist die Selbstzersetzung von Zellhornfilmen nicht aufzuhalten. Frühe Anzeichen sind Flecken und Verfärbungen. Wird die lichtempfindliche Emulsion klebrig oder haben sich die Lagen des aufgerollten Films aufeinander verklebt, so ist bereits ein mittleres Zersetzungsstadium erreicht. Die Rolle wird im nächsten Stadium weich und gibt einen stechenden Geruch ab, bevor sie sich schließlich zu braunem Pulver zersetzt. In zersetzter Form besteht die Gefahr einer Staubexplosion. Eine dauerhafte Lagerung kommt daher in keinem Fall in Frage.

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Was tun?

Handeln!

Kinefilme und Negativ-Filmstreifen von dauerhaftem Wert aus Zellhorn-Material sollten auf Sicherheitsfilm umkopiert oder ersatzdigitalisiert werden. Umgehend und vorrangig sollte dies bei Filmen geschehen, die bereits - riechbar oder sichtbar - Anzeichen von Zersetzung zeigen oder deren Filmdosen innen Korrosionsspuren aufweisen.

Solange noch keine Ersatzdigitalisierung erfolgt ist, sollten vorhandene Zellhornfilme sachgerecht verpackt und regelmäßig kontrolliert werden.

Keinesfalls darf der Lagerungsort zu warm werden! Tageslichtbestrahlung und die Nähe zu Lampen oder Heizkörpern müssen unbedingt vermieden werden. Bereits bei unter 40 °C kommt es zur Selbstentzündung. Eine Zusammenlagerung mit anderem Archivgut, auch mit anderem Foto- und Filmmaterial, ist zu vermeiden.

Die wenigen Anbieter, die Zellhornfilm bearbeiten können, bevorzugen inzwischen die Digitalisierung. Das Umkopieren ist technisch noch möglich, wirtschaftlicher dürfte aber für die beauftragenden Archive bereits in aller Regel die Digitalisierung sein.

Verpackung bis zur Ersatzdigitalisierung

Gelagert werden sollten Zellhornfilme in Dosen aus Aluminium oder aus nichtrostendem Stahl, die jedoch nicht fest verschlossen werden dürfen. Von Dosen, bei denen sich eine statische Ladung entwickeln kann, ist abzuraten. Kunststoffdosen kommen daher nur in Frage, wenn sie antistatisch ausgerüstet sind. Zu vermeiden ist auch ein festes Verschließen oder Verschrauben der Filmdosen. Fest geschlossene oder verschraubte Dosen ermöglichen bei einer Selbstentzündung keine sofortige Druckentlastung und würden sich daher zu einem Sprengkörper entwickeln.

Transport

Für den Transport gelten das Gefahrgutbeförderungsgesetz und die entsprechenden Verordnungen. Für Transporte zu und von einem Digitalisierungsdienstleister sowie zu einer Vernichtungsstelle sollten daher nur Transportunternehmen in Betracht gezogen werden, die Zellhornfilm in geeigneter Weise transportieren können.

Vernichtung

Kein dem LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum bekannter Dienstleister für die Umkopierung oder Ersatzdigitalisierung von Zellhornfilmen bietet zugleich die Vernichtung der Filme an. Nach der Umkopierung oder Ersatzdigitalisierung erhält das auftraggebende Archiv seine Zellhorn-Originale also zurück.

Für Hinweise auf geeignete Vernichtungsstellen können Sie sich an das LVR-AFZ wenden.