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Die Bedeutung des Adels im Rheinland

Von Hans-Werner Langbrandtner, LVR-AFZ

Das Rheinland war eine bedeutende Adelslandschaft im Alten Reich und steht als solche neben den bekannteren Adelslandschaften Westfalen, Kraichgau (Baden-Württemberg), Oberschwaben (Baden-Württemberg und Bayern) oder Sachsen. Die zahlreichen Burgen und Schlösser geben bis heute Zeugnis von einer dichten Präsenz adliger Familien in den rheinischen Territorien des Alten Reiches.

Hochadel und Niederadel

Die Adelsforschung unterscheidet zwischen den Familien des Hochadels und des Niederadels. Mit den Kurfürsten von Brandenburg bzw. Königen von Preußen (Herzogtum Kleve und Geldern), den pfälzischen und bayerischen Wittelsbachern (Herzogtum Jülich-Berg bzw. Kurfürstentum Köln) gehörten die Landesherren der rheinischen Territorien seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts dem deutschen Hochadel an. Damit sanken die rheinischen Herzogtümer und Kurfürstentümer zu Nebenterritorien herab und verloren ihr politisches Gewicht im Machtgefüge des Alten Reichs. Die seit dem späten Mittelalter ansässigen hiesigen Adelsfamilien, denen sich die rheinische Adelsforschung vorrangig widmet, zählen aber zum Niederadel. In bestimmten Regionen konzentrieren sie sich: nämlich am Mittelrhein und in der Region Köln-Düren-Jülich sowie am Niederrhein. Der Niederadel lässt sich in unterschiedliche Gruppen einteilen: den Kleinadel mit minderen Gerichtsrechten auf seinem Landbesitz, den Adel, der einen landtagsfähigen Rittersitz besaß und damit den Zugang zu Ritterschaft des landesherrlichen Landtags hatte, den Adel, der als landesherrliches Lehen eine teilsouveräne Unterherrschaft mit der Hochgerichtsbarkeit innehatte und den Adel, der als Inhaber einer Reichsherrschaft die Reichsstandschaft besaß.

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Ritterschaften der Landesterritorien

Im Ancien Régime gab es in den nördlichen Rheinlanden die weltlichen und geistlichen Territorien am Niederrhein und an der Maas – nämlich die Herzogtümer Jülich und Berg, Geldern und Kleve, das Fürstentum Moers, das Herzogtum Limburg sowie das Kurfürstentum Köln, die jeweils eigene Ritterschaften als landständische Kollegien in den Landtagen besaßen. Historische Bezüge zu den südlichen rheinischen Landesterritorien, insbesondere zum Kurfürstentum Trier oder zum Herzogtum Luxemburg sind gleichfalls vorhanden. Niederadlige Familien aus den nördlichen Territorien hatten beispielsweise oft über Generationen hinweg Stiftspräbenden in Trier inne, die trierische Ritterschaft, die 1731 geschlossen in die Reichsritterschaft wechselte, hatte vielfältige verwandtschaftliche Kontakte zur Ritterschaft im benachbarten Herzogtum Luxemburg.

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Die rheinische Unterherrschaft

Unterhalb der landesherrlichen Ebene sind neben den – der direkten landesherrlichen Verwaltung unterstehenden – Amtsgebieten besonders die zahlreichen Unterherrschaften zu nennen. Unterherrschaften sind Territorien, deren Besonderheit darin bestand, dass wesentliche Herrschaftsrechte seitens des Landesherrn als Lehen an den Adel übertragen worden waren, die der Adel innerhalb dieser Gebiete weitgehend autonom ausübte. Die hohe Zahl von nahezu 200 Unterherrschaften zeigt, dass diese Form der Herrschaftsausübung gerade im nördlichen Rheinland etabliert war und die Unterherren gegenüber dem landsässigen Adel auch eine gesonderte Stellung einnahmen: Die Unterherren kamen zu Verhandlungen mit dem Landesherren in eigenen Unterherrentagen zusammen, wohingegen die "Elite" des landsässigen Adels, die landtagsfähige Rittersitze besaß, im Stand der Ritterschaft organisiert war. Die Ritterschaft wiederum war gegenüber dem nicht landtagsfähigen Adel berechtigt, an den Verhandlungen der Landtage in den jeweiligen rheinischen Territorien teilzunehmen. Über die Mitgliedschaft in diesen politischen Gremien eröffnete sich diesen Adligen oft auch der Zugang zu Ämtern am landesherrlichen Hof.

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Forschungslage zur rheinischen Adelslandschaft

Im Vergleich zu anderen Adelslandschaften fehlte für die rheinische Adelslandschaft lange eine Grundlagenforschung zur Adelsgeschichte. Ein erster Forschungsansatz erfolgte im Rahmen des Projekts "Aufbruch in die Moderne. Der rheinische Adel in westeuropäischer Perspektive zwischen 1750 und 1850", einem 2012 abgeschlossenen Kooperationsprojekt zwischen dem LVR und dem Deutschen Historischen Institut Paris, das ab Herbst 2012 in Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln, Lehrstuhl für die Geschichte der Frühen Neuzeit (Prof. Gudrun Gersmann) fortgeführt wird. Als Ergebnisse erschienen u.a. als Printpublikationen die Studienbücher: "Adlige Lebenswelten im Rheinland. Kommentierte Quellen der Frühen Neuzeit" (Köln 2009) und "Im Banne. Napoleons. Rheinischer Adel unter französischer Herrschaft" (Essen 2013), als Netzpublikation 2010 "Adel in der Sattelzeit. Die Rhein-Maas-Region und Westfalen" sowie zahlreiche wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten.

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Adelsarchive

Die Ausübung der übertragenen landesherrlichen Rechte in den adligen Unterherrschaften – die hohe und niedere Gerichtsbarkeit, die Erhebung der wesentlichen Steuern, landesherrliche Wild- und Waldrechte, wirt-schaftliche Rechte wie der Betrieb einer Bannmühle, kirchliche Patronats- und Präsentationsrechte, die bedeutsam für die Einführung der Reformation in der Unterherrschaft sein konnten – ließen eigene durchaus umfangreiche Adelsarchive entstehen. Amtsfunktionen im Dienst der Landesherren, die Ausübung von grundherrlichen und niedergerichtlichen Rechten spiegeln sich aber auch in kleineren Archiven der landtagsfähigen oder sonstigen Adelsfamilien wider, deren Zahl aber schwer zu bemessen ist.
Das Rheinland – und hier gerade der zu NRW gehörige nördliche Teil – verfügt über einen großen Fundus an Adelsarchiven mit durchaus umfangreichen Quellenbeständen, um deren Pflege und Erschließung sich die zunächst bei der preußischen Provinzialverwaltung, heute bei den Landschaftsverbänden angesiedelte regionale nichtstaatliche Archivpflege seit den 1920er Jahren bemüht. Im Rheinland findet die Adelsarchivpflege des LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrums (LVR-AFZ) seit 1982 in enger Zusammenarbeit mit den Vereinigten Adelsarchiven im Rheinland e.V statt.
Gerade die urkundliche Überlieferung rheinischer Adelsarchive ist in den Inventaren nichtstaatlicher Archive, einer Publikationsreihe des LVR-AFZ, in ausführlichen Regesten im Print zugänglich: Von 53 bislang erschienenen Bänden zu rheinischen Archiven betreffen 22 Inventarbände die Archive des Adels.

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